Wenn man neben Will Lammerts Bronzeskulptur „Die Tragende“ steht und über den Schwedt-See blickt, sieht man deutlich die kleine Stadt Fürstenberg mit ihrem Kirchturm auf der anderen Seite des Sees. Konnten die Einwohner Fürstenbergs die Wahrheit über das, was sich hinter der hohen Mauer hinter der Skulptur abspielte, ausblenden?
122.000 Frauen waren zwischen 1939 und 1945 im größten deutschen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Als die sowjetischen Truppen das Lager am 1. April 1945 befreiten, waren nur noch etwa 20.000 Frauen dort.
Heute ist Ravensbrück ein Ort des Gedenkens und der Besinnung. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude befindet sich eine Ausstellung, man kann den Zellenbau besichtigen, in dem in einigen Zellen Ausstellungen aus den vielen Ländern gezeigt werden, die einst Gefangene im Lager internierten, und die Tür zum Krematorium steht offen. All dies geschieht in ehrender Erinnerung an die Gräueltaten, die vor über 80 Jahren stattfanden.
Entlang der Mauer der Nationen direkt vor dem Lager Ravensbrück befinden sich Abschnitte für die verschiedenen Länder. Hinter diesen sanften Farbtönen verbergen sich Gedenktafeln und kleine Skulpturen für Einzelpersonen und Gruppen. Ravensbrück war kein Lager für jüdische Frauen, und es gab kein Denkmal für sie. Doch im Laufe der Jahre waren rund 20.000 jüdische Frauen im Lager inhaftiert.
Dies wurde nun korrigiert.
Am 6. November wurde eine Gedenkstätte mit 40 gravierten Steinblöcken enthüllt. Sie befindet sich am Ufer der Schwedt-Spen. Auf den Blöcken sind Zitate ehemaliger jüdischer Gefangener eingraviert. Ein einzelner Steinblock trägt kein Zitat zum Gedenken an die namenlosen Opfer. Das Gedenkzeichen wurde von den Berliner Architekten Tine Steen und Klaus Schlosser entworfen.
Bis 1942 waren rund 1.400 jüdische Frauen in Ravensbrück inhaftiert. Sie wurden aufgrund der nationalsozialistischen Rassenideologie verfolgt.
Im Frühjahr 1942 ließ die SS etwa 800 von ihnen mit Giftgas ermorden. Weitere 522 Frauen wurden im Oktober 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Danach galt Ravensbrück als „judenfrei“.
Mit der Evakuierung des Konzentrationslagers Auschwitz kamen jedoch Tausende jüdischer Frauen aus Auschwitz oder aus Ungam und der Slowakei nach Ravensbrück.
Mutter verlor das Zeitgefühl.
In Ravensbrück befanden sich nur 34 dänische Frauen, alle deportiert wegen ihrer Beteiligung am Widerstand gegen das NS-Regime. Sie waren keine Jüdinnen. Ende November 1943 kamen jedoch 10 dänische Jüdinnen in das Lager. Sie wurden in die Strafbunker des Lagers gesperrt und blieben dort, bis sie am 11. Januar 1944 nach Theresienstadt transportiert werden konnten.
Dies traf jedoch nur auf acht von ihnen zu, da eine 26-jährige Frau, Karen Katznelson, und ihr zweiter Sohn (der Autor dieses Textes) aufgrund einer Krankheit fünf Monate lang in Ravensbrück festgehalten wurden. Einer der 39 Gedenksteine trägt ein Zitat dieser Frau, die in Einzelhaft in Ravensbrück saß. Einzelhaft im Strafbunker:
„Allmählich … verlor ich das Zeitgefühl.“
Den Opfern eine Identität geben wollen
Bei der Einweihung der Gedenkstätte sprach unter anderem die brandenburgische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dr. Manja Schüle. Sie stellte die Frage und beantwortete sie gleich selbst:
„Warum weihen wir heute hier in Ravensbrück ein Gedenkzeichen für die jüdischen Opfer ein? Weil wir die Opfer einen erneuten Tod sterben lassen, wenn wir sie vergessen. Weil wir den Opfern ihre Identität und ihre Individualität zurückgeben wollen. ”Und weil wir berauben uns der Chance, aus dieser schrecklichen Geschichte zu lernen, wenn wir sie vergessen.“
Die Zeremonie endete mit einer Rede von Mala Tribich, einer der fünf Überlebenden des KZ Ravensbrück. Sie war kaum 14 Jahre alt, als sie nach Ravensbrück deportiert wurde:
„Ich erinnere mich nur an Entbehrung und Tod.“
Es handelte sich um eine Zeremonie für geladene Gäste, keine öffentliche Veranstaltung. Eingeladen waren unter anderem der Präsident des Jüdischen Zentralrats in Deutschland, der israelische Vizebotschafter und weitere Persönlichkeiten. Ebenfalls eingeladen waren Schülerinnen und Schüler des Hannah-Ahrend-Gymnasiums.